Das Organisationsteam des Weideaustriebs 2019 (von links) Luisa Jäger, Lena Holzenkamp, Lena Dangers, Simone Wiegand und Jendrik Holthusen.

Wo findet der Weideaustrieb statt?
Simone Wiegand: In diesem Jahr veranstaltet das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V. den Weideaustrieb stellvertretend für die Region auf dem Milchhof der Familie Heike und Heiko Holthusen, Harrierwurp 31, in Brake. Die 200 Milchkühe werden in zwei Gruppen auf die angrenzenden Weiden laufen. Für die ersten 130 Kühe öffnen sich die Stalltüren um 13 Uhr, für die übrigen 70 um 15 Uhr.
Der Hof auf der Wurp lebt die Weidehaltung in besonderem Maße. Betriebsleiter Heiko Holthusen, der als Kind mit seinen Eltern aus Rastede nach Brake auf den Hof zog und diesen in den 1990er Jahren übernahm, optimiert sein Weidemanagement stetig weiter. Ob in Zusammenarbeit mit irischen Landwirten, als Pilotbetrieb in mehreren Projekten des Grünlandzentrums oder im Austausch mit Kollegen – immer zeigt sich der Betrieb innovativ und aufgeschlossen, das Beste für Mensch, Tier und Umwelt zu erreichen. Heute bewirtschaftet der Hof rund 250 ha Grünland und verfügt über 200 Milchkühe und ebenso viel Jungvieh.
Als zertifizierter Pro Weideland Betrieb erfüllt der Hof auf der Wurp bei der Erzeugung und Verarbeitung von Weidemilch die anspruchsvollen Kriterien des Gütesiegels Pro Weideland.
2016 zelebrierte das Grünlandzentrum zusammen mit der Molkerei Ammerland den ersten öffentliche Weideaustriebe auf dem Hof auf der Wurp, der seitdem die Tradition fortführt.

Gab es Weideaustriebe schon immer?
Arno Krause: Öffentliche Weideaustrieb, so wie ihn die Besucher heute hier erleben, gibt es in Norddeutschland noch nicht so lange. Das Grünlandzentrum hat dieses Format, den „Kosläpp“ aus Schweden übernommen und 2016 im Nordwesten gewissermaßen eingeführt. Seitdem bieten immer mehr Landwirte Weideaustriebe als Event für die Öffentlichkeit an, die jedes Frühjahr viele Besucher anziehen.
Weideaustriebe sind eine gute Gelegenheit, der Gesellschaft eine ganz besondere Nähe zur Landwirtschaft und speziell zur Weidehaltung zu ermöglichen. Die Besucher können sich ein Bild machen von glücklich hüpfenden Kühen und alles darüber erfahren, wie Weidemilch entsteht – vom Gras bis ins Glas.

Wie sieht das Programm heute aus?
Lena Holzenkamp: Das Grünlandzentrum hat den Weideaustrieb noch nie so groß aufgezogen wie heute und sogar mit der Kulturetage Oldenburg und dem Brake Tourismus und Marketing Verein zwei Kooperationspartner ins Boot geholt.
Der Weideaustrieb ist ein großes Fest für die ganze Familie und bietet für jeden etwas. Die Moderation übernimmt Annie Heger. Auf der Bühne spielt den ganzen Tag das Rock-Trio Gordon.

Für das leibliche Wohl sorgen:
• Herrlich gutes Essen, Oldenburg, mit Weide- Cheeseburger
• Die Geschmacksträger, Oldenburg, mit Weide-Sandwiches
• Reiners mit Currywurst/ Pommes
• Landfrauen mit Blechkuchen & Kaffee
• Junge Landfrauen mit Waffeln
• Melkhus – verschiedene Milchdrinks etc.
• Berliner Preuß, Brake
• Käsekostproben „Ammerländer“
• Getränkeangebote: Sektbar, Bierbude, versch. antialkoholische Getränke – Tobias Holthusen
• Café Klinge mit Kaffeespezialitäten

Kinderprogramm:
• Spielstationen mit Weidezertifikat
• Kuhwetthüpfen
• Strohrutsche
• Kuh melken
• Butter herstellen
• Upcycling Milchkarton mit Ammerländer
• Kuh-/Weidequiz
• Hüpfburg
• Kinderschminken
• Sandburg
• Strohburg
• Ponyreiten
• Kettcarbahn
• Bemalen des Güllebehälters – Malstation
• [evtl. Kutschfahrt/Fahrt mit Rasenmähtrecker und Anhänger]

 

Was ist das Grünlandzentrum?
Arno Krause: Das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V. hat seinen Sitz in Ovelgönne und ist der heutige Gastgeber. Im Grünlandzentrum arbeiten 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in nationalen und internationalen Projekten rund um Grünland. Im Fokus stehen zukunftsfähige Lösungen für eine Landwirtschaft auf Grünland, die wissenschaftlich fundiert und praktisch umsetzbar sind. Das Grünlandzentrum verbindet Theorie und Praxis. Es vernetzt Landwirte, Wissenschaftler, Politiker und Berater.

Was bedeutet Pro Weideland?
Luisa Jäger: PRO WEIDELAND ist Name (eines Labels) und Programm zugleich. Entstanden ist das Programm aus dem Projekt Weidemilch, das vom Land Niedersachsen gefördert und vom Grünlandzentrum umgesetzt wurde. Das Ziel war und ist, die tendenziell rückläufige Weidehaltung neben der Stallhaltung zu erhalten und zu fördern. Denn es ist längst nicht mehr selbstverständlich, dass Landwirte ihre Milchkühe draußen weiden lassen. In großen Betrieben kommt im Schnitt nur noch jede 3. Kuh auf die Weide. Das Wissen um Weidehaltung nimmt ab. Und das, obwohl 1. die Weidehaltung dem Tierwohl dient, 2.sich die meisten Verbraucher eine Landschaft ohne weidende Kühe nicht vorstellen können und 3. Weidehaltung den Erhalt von Grünland sichert, das wiederum die Artenvielfalt, also die Biodiversität fördert und dem Umweltschutz dient.

Wer steht hinter dem Gütesiegel Pro Weideland?
Luisa Jäger: Um all dies zu erreichen, hat das Grünlandzentrum das gleichnamige Label Pro Weideland entwickelt und 2017 feierlich – bei einem Weideaustrieb - eingeführt. Das Grünlandzentrum ist zwar Eigentümer des Labels, aber es hat viele Partner aus der Politik, der Landwirtschaft, der Wissenschaft, dem Natur- und Umweltschutz sowie aus Verbänden an seiner Seite, die alle eine Charta gezeichnet haben und sich als Charta-Gemeinschaft für Weidehaltung stark machen. Zu den Partnern zählen Molkereien ebenso wie z.B. der BUND, der Nabu, Pro Vieh, die Uni Göttingen oder das Landwirtschaftsministerium Schleswig-Holstein. Alleine im vergangenen halben Jahr haben vier neue Partner die Charta gezeichnet, die Zeichnung eines weiteren bedeutenden Partners steht schon im Mai an. Pro Weideland ist längst über Niedersachsen hinausgewachsen.

Was garantiert das Label?
Lena Holzenkamp: Das Label PRO WEIDELAND kennzeichnet Weidemilch, Produkte aus Weidemilch wie Butter und Käse und neuerdings auch Weidefleisch. Den Verbrauchern, die Produkte mit dem Siegel kaufen, versichert es, dass hier hohe Kriterien erfüllt wurden bei der Erzeugung und der Vermarktung der Weideprodukte. Die Kühe müssen an mindestens 120 Tagen 6 Stunden lang auf der Wiese Gras fressen dürfen. Pro Tier müssen Landwirte 2000m² Grünland und davon mindestens 1000² Weidefläche vorhalten. Gefüttert wird nur nach dem VLOG-Standard „Ohne Gentechnik“. Pro Weideland hat damit erstmals einen unabhängig kontrollierten und transparenten Standard in Deutschland geschaffen, den es so noch nicht gab.

Warum ist die Weidehaltung für die Kühe und die Natur so besonders?
Lena Holzenkamp:
- Kommt der natürlichsten Haltungsform der Kühe am nächsten
- Bewegungsdrang wird gestillt- sieht man an den springenden Kühen
- Durch die Mindestgröße an Weidefläche von 1000 m2 pro Kuh kann sichergestellt werden, dass die Kühe viel frisches Gras aufnehmen können
- Weidehaltung fördert die Biodiversität – Beispiel: Ein Kuhfladen auf der Weide stellt die Lebensgrundlage für sehr viele Insekten dar

Warum stehen Weidekühe im Winter im Stall?
Lena Dangers: Kühe sind dann gerne auf den Weiden, wenn die Bedingungen für sie stimmen. In den Sommermonaten ist dies meist der Fall. In den Wintermonaten sind die Witterungsbedingungen in unseren gemäßigten Breiten für Kühe aber nicht gut. Niedrige Temperaturen bis zu minus 20 Grad können sie zwar sehr gut vertragen, aber die Kombination aus Nässe und Kälte vertragen Kühe überhaupt nicht. Durch höhere Niederschlagsmengen im Winter und Herbst sind die Böden aber meist nass, das Wasser kann jetzt nicht mehr vom Gras genutzt werden. Selbst wenn die Grasnarbe noch dicht ist, weicht der Boden nach langandauerndem Niederschlag auf und ist nicht mehr tragfähig. Das bedeutet, dass die Tiere mit ihren Klauen mehr Schaden anrichten und die Fläche durch Trittschäden verdichtet werden kann. (Im Winter muss ja auch kein Rasen gemäht werden). Gras wächst unter einer Bodentemperatur von 6 Grad nicht mehr, Kühe finden demensprechend auch zu wenig Futter auf den Weiden und fühlen sich jetzt im Stall wohler.

Welche Rolle spielt der Verbraucher?
Arno Krause: Das Label Pro Weideland wurde 2017 eingeführt und hat sich seitdem zu einem anspruchsvollen Standard entwickelt. Die Molkerei Ammerland führte das Label als Pionier ein. Ihr folgten weitere Molkereien, zuletzt FrieslandCampina und Arla, sowie als erster Fleischverarbeiter Westfleisch. Zu den gelabelten Weideprodukten zählen Milch, Käse, Butter und neuerdings auch Fleisch.
Die Verkaufspreise von Weideprodukten liegen in der Regel zwischen denen von konventionellen und Bioprodukten. Laut einer Studie der Universität Göttingen sind Verbraucher theoretisch bereit, für Weideprodukte mehr Geld zu bezahlen. Die Praxis sieht derzeit aber anders aus. Der Absatz von Weidemilch ist in den vergangenen drei Jahren zwar stetig gestiegen. Gemessen am gesamten Konsummilchmarkt ist er aber gering. Und das, obwohl sich fast 80 Prozent der Verbraucher eine Landschaft ohne weidende Kühe nicht vorstellen können und Weidehaltung als natürlichste Form der Weidehaltung favorisieren würden. Das bedeutet, dass sich Kunden zwar Kühe auf der Weide wünschen, aber beim Einkaufen nur selten zur etwas teureren Weidemilch greifen. Der Verbraucher spielt, um die Frage zu beantworten, eine sehr große Rolle, wenn sich Weideprodukte weiter im Markt etablieren sollen.

Dr. Arno Krause ist Geschäftsführer des Grünlandzentrums
Simone Wiegand ist Leiterin der Kommunikation
Luisa Jäger und Lena Holzenkamp sind zuständig für das Programm PRO WEIDELAND
Lena Dangers ist Weidecoach
Jendrik Holthusen arbeitet in den EU-Projekten Inno4Grass und Nefertiti, Landwirt, Sohn von Heiko und Heike Holthusen

Weitere Informationen auf unserer Website: Grünlandzentrum Mitarbeiter oder www.gruenlandzentrum.de

 

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